Was sind Lektine?

Oder: Auch Pflanzen wollen leben

Nachdem die erste Zeit hier auf leaygreens.de recht hektisch war, wird es nun endlich Zeit, mehr über die Hintergründe der lektinfreien Ernährung zu lernen. Wie bereits erwähnt, dient mir primär das Buch „The Plant Paradox“ von Dr. Gundry als Grundlage. Ich ziehe aber natürlich auch andere Quellen heran. Denn auch wenn das Konzept der lektinfreien Ernährung noch neu und keinesfalls ausreichend wissenschaftlich bewiesen ist, so sind Lektine und deren Wirkung auf unseren Körper durchaus bekannt und Thema zahlreicher Studien.

Um mal ganz, ganz, ganz von vorne anzufangen: vor tausenden von Jahren existierten auf der Erde nur Pflanzen. Als dann nach und nach auch Insekten und später andere Tiere hinzukamen, die sich an den Pflanzen nach Herzenslust bedienten, mussten sich diese irgendwie schützen, denn auch das Ziel der Pflanzen ist in erster Linie die Aufrechterhaltung ihrer Spezies. Dafür entwickelten sie Stoffe, die ihre Fressfeinde, zu Beginn nur Insekten, schwächten. Wir sind zwar deutlich größer als ein Insekt, der Effekt ist aber derselbe.

Pflanzen haben zwei Arten, sich fortzupflanzen: Erstens, sie wollen, dass Fressfeinde ihre Samen fressen und forttragen. Sie bilden um die Samen eine harte Schale, die im Verdauungstrakt des Samen-Transporters überlebt. Hier besteht kein Grund, die Samen mit giftigen oder schädlichen Stoffen anzureichern, denn sie sollen ja gefressen werden. Hier kommt auch spannenderweise der Reifegrad der Früchte ins Spiel. Pflanzen benutzen u.a. Farbe, um dem Tier zu signalisieren, dass ihre Früchte bereit sind gefressen zu werden. Grün heißt „Stopp“. Hier ist die schützende Schale noch nicht ausgereift, um die Samen ausreichend zu schützen. Die unreife Frucht enthält ein hohes Level an Giftstoffen und damit unangenehme Auswirkungen für den Fressfeind. Das haben Tiere gelernt. Sobald die schützende Schale ausgebildet ist, ist auch der volle Zuckergehalt der Frucht erreicht. Die Farbigkeit und Zuckergehalt signalisieren dem Fressfeind, dass die Frucht genießbar ist.

Die zweite Fortpflanzungsvariante: die Pflanze hat bereits einen tollen Lebensraum gefunden und will ihre Samen auch genau dort ansiedeln. Sie haben also kein Interesse daran, dass ihre Samen gefressen und weitergetragen werden. Anstatt also eine harte Schale zu bilden, müssen die nackten Samen vor Fressfeinden geschützt werden. Denn Tiere lernen: was ihnen einmal nicht bekommen ist, fressen sie kein zweites Mal (anders als wir Menschen). Diese schädlichen Substanzen enthalten u.a. Phytate, sog. antinutritive Substanzen. Das sind Stoffe, die eine maximale Verwertung der mit der Nahrung aufgenommenen Nährstoffe einschränken. Neben diesen Antinutritiven enthalten sie eben auch die Lektine. Es gibt es eine spannende Studie zum Thema Abwehrmechanismen von Dr. Andreas Schaller, Dozent am Institut für Physiologie und Biotechnologie der Pflanzen der an der Universität Hohenheim (1). Er geht darin zwar nicht auf die Reaktion beim Menschen ein, beschreibt aber genau diese chemischen Resistenzfaktoren mit wissenschaftlichen Kennzahlen.

Lektine sind also eine Art Abwehrmechanismus der Pflanzen, um sich vor Fressfeinden zu schützen und ihre Nachfolge zu sichern. Doch was genau ist an Lektinen so schädlich für uns?

Lektine sind Proteine. Vereinfacht zusammengefasst haben sie drei Strategien, unser Inneres anzugreifen:

 

1. LEKTINE ZERSTÖREN DIE DARMWAND

Lektine sind extrem bindungsfreudig. Sie binden sich nicht nur an spezifische Kohlenhydratstrukturen sondern auch unsere Darmwände und können diese beschädigen. Dadurch wird die Aufnahmefähigkeit für andere Nährstoffe beeinträchtigt. D.h., dass gute Nährstoffe nicht mehr richtig aufgenommen werden und dem Körper zur Verfügung stehen. Über den Angriff des Darms können Lektine in den Blutkreislauf eintreten und dort erreichen sie auch weiter entfernte Organe. Der Darm kann, einfach ausgedrückt, „undicht“ werden, das sogenannte „Leaky-Gut-Syndrome“ entsteht. In der Folge können weitere Stoffe wie Nährstoffreste und Toxine in den Blutkreislauf gelangen. Die Lektine, die nun durch den gesamten Körper strömen, heften sich an weitere Organe und der Körper wehrt sich entsprechend dagegen. Unser Immunsystem greift die Lektine an – und mit ihnen auch gesundes Gewebe und Organe.

 

2. LEKTINE VERWIRREN UNSER IMMUNSYSTEM

Mimikry kennen wir alle hauptsächlich aus der Tierwelt (beliebtes Beispiel aus dem Biologieunterricht: die Schwebefliege ahmt das Aussehen der Wespe nach). Ähnliches Verhalten legen Pflanzen an den Tag, indem sie Lektine produzieren, die anderen Proteinen zum Verwechseln ähnlich sind: molekulare Mimikry. Durch diese Ähnlichkeit verwirren sie unser Immunsystem, sodass es u.a. körpereigene Proteine angreift.

 

3. LEKTINE STÖREN DIE ZELLKOMMUNIKATION

Durch ihre hohe Bindungsfreudigkeit heften sich Lektine auch an andere Zellen und stören auf diesem Weg die Kommunikation zwischen den Zellen. Dies geschieht insbesondere bei Hormonsignalen, indem Lektine diese blockieren oder imitieren (Mimikry). Hormone sind Proteine, die sich an andere Zellen heften und so Informationen übertragen. Dafür muss die Andockstelle für das entsprechende Hormon frei sein. Lektine setzen sich an genau diese Andockstellen und verhindern so, dass die entsprechende Information zur Zelle gelangt oder senden sogar falsche Information an die Zelle. Das Lektin WGA (wheat germ agglutinin), eine Form von Gluten, die in Vollkornprodukten vorkommt, ist Insulin zum Verwechseln ähnlich. Es dockt an der entsprechende Stelle an und sorgt so dafür, dass Zucker in die Zellen der Muskeln, der Leber, der Nieren und des Fettgewebes geschleust wird. Aber anders als das wahre Insulinhormon, löst es sich nicht wieder von der Zelle sondern signalisiert diesen Befehl immer und immer weiter.

 

Wichtig bei der lektinfreien Ernährung ist das Verständnis, dass diese keinesfalls prinzipiell gegen alle Pflanzen ist! Genau darin liegt das Paradox, von dem Dr. Gundry spricht. Denn viele Pflanzen enthalten Vitamine, Mineralien, Antioxidantien, Polyphenole (besonders wichtig für die Haut) und eine lange Liste weiterer wichtiger Stoffe, die maßgeblich für unseren Körper und unsere Gesundheit sind. Bei der lektinfreien Ernährung geht es also vielmehr darum, die richtigen Pflanzen zur richtigen Zeit zu essen, mit der richtigen Zubereitungsart und in den richtigen Mengen. Nach der etwas strengeren Phase 2, in der man konsequent alle Lektine vermeidet, können damit auch nach und nach, je nach Verträglichkeit und Gesundheitszustand, wieder Lektine in die Ernährung eingeführt werden – eben mit der richtigen Zubereitungsart und in Maßen. Je fitter der Darm und die Verdauung sind, und das sollten beide nach einer Lektinabstinenz sein, desto eher können Lektine auch verkraftet werden. Und nicht alle Lektine sind per se schädlich. Lektine können zudem durch starkes Erhitzen (ab 75°C) oder durch andere Wege, wie z.B. Fermentation oder langes Einweichen abgetötet werden. Sie sind allerdings verhältnismäßig resistent gegen Verdauungsenzyme und gegen Hitze, daher schadet es unserem Körper nicht, Lektine weitestgehend zu vermeiden.

Klar, manche Menschen vertragen Lektine besser als andere. Viele merken aber gar nicht, dass sie tatsächlich Probleme haben, bis sie Lektine eine Zeit lang aus der Ernährung streichen. Allergien, Unverträglichkeiten oder einfach Müdigkeit und Übergewichtigkeit können mit Lektinen direkt zusammenhängen.

 

Quellen:

Gundry, Steven R., (2017). The plant paradox. 1st edition, Harper Collins, New York.
http://www.institutefornaturalhealing.com/2009/07/lectins-a-little-known-trouble-maker
http://www.urgeschmack.de/lektine
http://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0000687
http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/0924224496100157
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1115436/?tool=pubmed
http://www.diabetes-ratgeber.net/Insulin
http://www.spektrum.de/lexikon/ernaehrung/antinutritive-substanzen/577)
(1) https://www.uni-hohenheim.de/www260/pdf/NFGZ%202002.pdf

 

Ich finde heraus, ob ich mit einer gesunden Lebensweise meine Neurodermitis in den Griff bekomme. Gesunde Haut dank gesunder Ernährung? Lasst es uns rausfinden!

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2 comments

  • Annina Berger 12. Dezember 2018   Reply →

    Hola Lara
    Durch mein neuews Interesse an lektinfreier Ernährung bin ich auf Deine website gestossen. Sehr aufschlussreich – herzlichen Dank.
    Momentan bin ich vor allem wegen meinem Gewicht auf der Suche nach der optimalen Ernährung. Meine Neurodermitis lässt mich nämlich weitgehend in Ruhe, seit ich die Spezialpflegen von Siriderma verwende / verwendet habe. Falls die Dir noch nicht begegnet ist, empfehle ich sie Dir sehr. Das zweite, was mir sehr geholfen hat, mich in meinem Leben allgemein und in meiner Haut im Speziellen, wohl zu fühlen ist die Unmittelbare Transformation .
    Melde mich wieder und freue mich einstweilen an Deinen Beiträgen.
    Liebe Grüsse Annina

    • Lara 10. Januar 2019   Reply →

      Hallo Annina,
      es freut mich sehr zu hören, dass du deine Neurodermitis im Griff hast. Ich habe das (leider) nur durch ein neues Medikament geschafft. Ich berichte hier von meinem Erfolg. Dass du trotzdem weiter an einer gesunden Ernährung arbeitest, finde ich klasse! Ich habe für mich die flexible vegane Ernährung als beste Option entdeckt, das heißt für mich: vegan zu Hause (v.a. da viel Gemüse) und wenn ich unterwegs bin, esse ich normal. Das schränkt mich nicht ein und ich kann das ganz entspannt angehen, was für mich persönlich ein wichtiger Aspekt ist, da ich gerne außer Haus mit Freunden esse und unterwegs bin.
      Viel Erfolg bei deiner Suche und berichte gerne, wenn du deinen Weg gefunden hast und wie er aussieht.

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